Sächsische Zeitung | Babyklappe ist der letzte Ausweg für verzweifelte Mütter
An das erste Kind hinter der Klappe kann sich Margret Mehner vom Kaleb e.V. genau erinnern. Es war im Sommer 2001, nur vier Wochen nach dem Start des Findelbaby-Projekts in der Dresdner Neustadt. „Abends um elf rief mich die Mitarbeiterin an, die gerade Bereitschaft hatte", sagt die 66-Jährige. Als sie den geschützten Raum an der Bautzner Straße 52 betrat, lag ein Mädchen im Wärmebett. „Es lag ganz ruhig da. Als ob es wusste, was los ist." Mehner und ihre Kolleginnen kümmerten sich um das Kind und nannten es Rosa. Kaleb steht für „Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren" - den Verein gibt es in Dresden seit 1992. Entstanden sei die überkonfessionelle Initiative aus einem „Erschüttertsein über Abtreibungen", erinnert sich die Vereinsvorsitzende, eine gebürtige Westfalin. Kaleb bietet Stillberatungen und Eltern-Kind-Gruppen an, führt eine Kleiderkammer und eine Bibliothek. Das Findelbaby-Projekt sei 1999 durch den Landtagsabgeordneten Andreas Grapatin (CDU) angeregt worden, sagt Mehner. „Zunächst wollten wir nur einen Mütter-Notruf anbieten." Schnell sei aber klar geworden, dass dieses Angebot „niedrigschwelliger" sein musste. So entstand die Babyklappe.
Alarm aufs Mobiltelefon
Zurzeit teilen sich 15 Ehrenamtliche und zwei Festangestellte in den 24-Stunden-Dienst, erklärt Sozial- pädagogin Uta Jarsumbeck. Wird die Klappe im Hausflur geöffnet und ein Kind hineingelegt, löst es automatisch einen Impuls auf einem Kaleb-Handy aus. Zuletzt passierte das im Sommer 2006.
In die aktuelle Debatte um Kindstötungen als Symptom der liberalen Abtreibungspolitik in der DDR wolle sie sich nicht einmischen, sagt Margret Mehner. „Da wird viel zu sehr vereinfacht." Doch im Gespräch wird schnell klar, dass ihr Ungeborene genauso am Herzen liegen wie die Neugeborenen. Dass dennoch Frauen beschließen, ihre Kinder zu töten, statt in der Babyklappe abzugeben, führen die Kaleb-Mitarbeiter auf psy chische Ausnahmesituationen der Betroffenen zurück, die ihre Wurzeln in sozialer Isolation haben. Ein Fall, auf den dieses Erklä rungsmuster passt, ereignete sich im Frühling 2006. Am 27. April lag ein totes Baby in einem Schuhkarton vor der Klappe. Dessen Mutter, eine junge Frau, wurde im Juni 2007 zu drei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt.
So weit soll es nicht wieder kommen, hofft Margret Mehner. „Es ist alles gut, solange kein totes Baby in unserer Umgebung gefunden wird." Also wird der Dienst rund um die Uhr fortgesetzt. Falls eine Schwangere den Notruf wählt und anonym bleiben will, wird auch sie betreut. Hilfe leistet im Ernstfall das benachbarte Diakonissenkrankenhaus. Nach der Entbindung schaltet sich das Jugendamt ein und sucht Adoptiveltern. Die Verantwortlichen des Kaleb e.V. wünschen sich allerdings etwas anderes: Die Frauen könnten ja bis zum Ablauf der Frist ihren Entschluss überdenken und den Nachwuchs doch zu sich nehmen. Ein paarmal ist das tatsächlich geschehen.
Briefumschlag am Bett
Selbst vor der Babyklappe haben Mütter noch die Chance, die Endgültigkeit ihrer Entscheidung rückgängig zu machen. Am Bettrand lehnt stets ein Brief, in dem darum gebeten wird, eine Nachricht für das Kind zu hinterlassen. Jedes Mal, wenn ein Findelbaby abgegeben wurde, sei der Brief mitgenommen worden, sagt Uta Jarsumbeck.
Wie es ist, ohne das Wissen um die leiblichen Eltern aufzuwachsen, darüber hat Margret Mehner auch mit ihrem Adoptivsohn gesprochen. Der ist inzwischen 31. Seine Antwort auf ihre Frage, was er von Babyklappen halte: „Ich lebe gern."
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