Sächsische Zeitung | Menschliche Katastrophen

Kindstötungen sind keine Frage der Sozialisation, sagen Dresdner Experten.

Die Stadt Dresden trifft die Diskussion um Kindstötungen in Ostdeutschland und die Äußerungen des sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer (CDU) zu einem Zeitpunkt, da der Fall Dominik fast schon zwei Jahre zurückliegt. Vorher habe es jahrelang keinen derartigen Fall gegeben, sagt Tobias Kogge. In der Stadt existiere ein funktionierendes Netzwerk, zu dem Beratungsstellen wie die des Kaleb e.V,, das Jugendamt, aber auch Notaufnahmen in Krankenhäusern gehörten, sagt Dresdens Sozialbürgermeister. Die Zahl der Babyklappen-Kinder scheint diese These zu belegen. Seit 2005 waren es in der Landeshauptstadt fünf. Zum Vergleich: Die Einrichtung in Chemnitz verzeichnete allein im Jahr 2007 fünf Findelbabys. Angestiegen sind in Dresden allerdings die Zahl der gemeldeten Kindeswohlgefährdungen. Im selben Zeitraum waren es über 800.

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ereigneten sich von 1996 bis 2006 insgesamt zwanzig Kindstötungen in Sachsen. Zahlen für Städte und Landkreise gibt es nicht. Alle Taten seien Ausdruck menschlicher Katastrophen, so Oberstaatsanwalt Christian Avenarius. Meist hätten es die Ermittler mit Frauen zu tun, „die an sich durchaus verantwortungsbewusst" und nicht ausschließlich der sozialen Unterschicht zuzuordnen sind.

Wie unkalkuliert deren Handeln sei, habe sich auch am Beispiel von Franziska G. gezeigt, sagt Avenarius: Die damals 20-Jährige hatte ihr totes Kind in einem Schuhkarton vor die Babyklappe an der Bautzner Straße gelegt - wohl wissend um all die Hinweise, die sie damit hinterlassen würde. (are)


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