Leipziger Volkszeitung | Schwere Geburt

Über Wohl und Wehe von Babyklappen und anonymen Geburten wird derzeit im Bundestag gestritten. Die FDP dringt auf Legalisierung. Wissenschaftler und Juristen laufen dagegen Sturm. Zwischen den Fronten steht der Dresdner Verein Kaleb, der Frauen in Not hilft.

  Es ist spät geworden. Abendstille liegt über der Dresdner Holzhofgasse. Im Kreißsaal 3 des Diakonissenkrankenhauses sinkt eine Frau erschöpft in die Kissen. Die Wehen werden stärker. Sie stöhnt, schnauft, wimmert. Sie bekommt etwas gegen die Schmerzen, soll Kräfte sparen. Carola Bockhacker hält ihre Hand, macht ihr Mut. „Sie schaffen das.“ Die 37-jährige Sozialpädagogin fühlt mit der Frau, die ihr völlig fremd ist, deren Namen, deren Adresse, deren Geschichte sie nicht kennt. Carola Bockhacker hat selbst zwei Kinder entbunden. Aus den Augen der Unbekannten schaut die Angst. Carola Bockhacker tröstet, streichelt, lobt: „Sie machen das gut.“

  Hebammen erleben es immer wieder, dass Frauen ihr Kind nicht loslassen können, dass die Geburt viel zu lange dauert, viel zu qualvoll ist. Das Band, das Mutter und Kind verbindet, scheint nicht reißen zu wollen. Obwohl die Trennung unausweichlich ist, zögern Mutter und Kind sie hinaus. Die Geburt ist ein Abschied. Zwei Menschen, die eins waren, trennen sich – ein Akt der Durchsetzung, der erste und folgenreichste von vielen.
  Der Frau, die ihre Finger in den Arm von Carola Bockhacker krallt, fällt es schwer, der Natur ihren Lauf zu lassen. Jede Faser ihres Körpers rebelliert. Der Wehenschreiber zieht steile Kurven. Die Herzfrequenz des Kindes, die Kontraktionen der Mutter nehmen zu. Beide sind gestresst. Auch Carola Bockhacker ist angespannt. Gleich wird es so weit sein. Gleich wird die Last, die die werdende Mutter so lange getragen hat, von ihr abfallen.
Ein schöner, ein tragischer Moment. Denn die Frau wird ihr Kind, wenn es wenige Atemzüge alt ist, in den Arm von Carola Bockhacker legen und sich von ihm verabschieden. Die runzlige Stirn, die großen Augen, die kleinen Hände mit den winzigen Fingern: Der Anblick wird sich in ihre Seele einbrennen. Sie wird ihr Kind in der Klinik zurücklassen – ohne Namen, ohne das Wissen um seine Wurzeln, sein Dasein, sein Verlassenwerden. Sie wird eine Ärztin, eine Hebamme und eine Sozialpädagogin zurücklassen, die ob der Freude, dass das Neugeborene gesund und wohlauf ist, innerlich schreien, weinen, wüten. Freude in Moll ist das.
  Sechs Kinder sind seit 2002 in Dresden anonym zur Welt gekommen. Bundesweit sollen es 94 sein. Sollen. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Viele Bundesländer können keine Angaben darüber machen, wie viele Kinder von ihren Müttern in Krankenhäusern zurückgelassen oder in Babyklappen abgelegt wurden. Nicht jede Klinik gibt Auskunft – aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Nach bisheriger Rechtslage ist jede Person, die von der Geburt eines Kindes weiß oder an der Entbindung beteiligt ist, zur Anzeige gegenüber dem Standesamt verpflichtet. Danach sind anonyme Entbindungen rechtswidrig.
  Kriminologen schätzen, dass es mittlerweile 300 bis 500 Findelkinder gibt. 1999 bot die Schwangerenberatung Donum Vitae im bayerischen Amberg Frauen erstmals an, anonym zu entbinden. Im April 2000 folgte in Hamburg die erste Babyklappe. Mehrere Versuche, die umstrittenen Angebote zu legalisieren, scheiterten. Im Koalitionsvertrag vereinbarten Union und SPD, die Erfahrungen mit der anonymen Geburt auszuwerten. Bisher ergebnislos. Die Liberalen drängen auf eine Legalisierung anonymer Geburten. FDP-Familienexpertin Ina Lenke wies erst gerade im Bundestag darauf hin, dass es etwa 40 bis 50 solcher Geburten pro Jahr gebe und die Ärzte Rechtssicherheit bräuchten.
  Politisch gesehen sind Babyklappen eine der einfachsten Lösungen von Frauen- und Mütterproblemen. Sie sind so preiswert, wie keine andere sozialpädagogische Maßnahme: Die Klappe wird auf Kosten der Betreiber, oft mit Spenden, installiert. Das Kind wird in eine – auf Lebenszeit für den Staat kostenlose – Adoptivfamilie gegeben. Die Ausgaben für intensive Beratungen, die eine Mutter in materiellen Schwierigkeiten in Anspruch nehmen müsste, schlagen nicht zu Buche.
  Die Kritiker der Legalisierung von anonymer Geburt und Babyklappen, zu denen Organisationen wie ProFamilia und terre des hommes gehören, befürchten, dass mit diesen Hilfsangeboten nicht diejenigen Frauen erreicht werden, die ihr Kind aussetzen oder töten. „Trotz aller Bemühungen sind die Zahl der Neonatizide – die Tötung eines Kindes in den ersten 24 Stunden nach der Geburt – und die Lebendaussetzungen seit 1999 nicht zurückgangen. Diese Tatsache untermauert, worauf Frauenheilkundler und Geburtshelfer seit Jahren aufmerksam machen: Die Tötung eines Neugeborenen folgt einer anderen Psychodynamik als die geplante Aussetzung eines Kindes in die Klappe oder seine anonyme Geburt in einer Klinik“, sagt Bernd Wacker, Adoptionsexperte der Kinderhilfsorganisation terre des hommes. Mütter, die ihre Kinder unmittelbar nach der Geburt töten, befänden sich in der Regel in einem psychischen Ausnahmezustand, der es ihnen unmöglich mache, planend, ziel- und zweckgerichtet zu handeln. Wacker spricht aus, was vielen in der „Hilfe-Szene“ nicht über die Lippen kommt: „Es sind nicht verzweifelte, potenzielle Totschlägerinnen, die das Angebot von Babyklappen nutzen, um ihre Schwangerschaft zu verheimlichen. Sie entziehen sich auf einfachstem Weg der elterlichen Verantwortung. Gründe dafür gibt es genug: Die Vertuschung eines Inzests, ein Seitensprung mit Folgen, die Abschiebung eines schwerbehinderten Kindes oder der Druck von Eltern, Angehörigen oder des Freundes auf eine ungewollt Schwangere.“

  Starker Tobak für Carola Bockhacker. Könnten die Wände ihres kleinen Büros in der Dresdner Neustadt reden, würde sich viel Kritik relativieren. Hier sitzt sie der Frau gegenüber, die ihr Kind aussetzt, weil sie glaubt, keine gute Mutter zu sein. Der Frau, die ein Kind erwartet und selbst noch ein Kind ist. Der Frau, die ihr Kind lieber tot sähe, weil sie vergewaltigt wurde. Der Frau, die fürchtet, von der Familie verstoßen zu werden, wenn sie von dem Kind erfährt. „Diese Frauen leben oft in Isolation, grenzen sich von ihrer Umwelt ab. Dabei hat jede dieser Frauen Eltern, Freunde, Kollegen, Schulkameraden, Nachbarn, Tanten, Onkel und Geschwister. Meist sehen sie weg“, vermutet Carola Bockhacker. Abgebende Mütter empfänden sich als Gezeichnete, als Stigmatisierte. Sie glauben, in ihrer ureigensten Rolle versagt zu haben.
  Dabei ist die Feinfühligkeit gegenüber einem Neugeborenen keiner Mutter in die Wiege gelegt: „Die Fähigkeit, empfindsam auf die Bedürfnisse des Kindes zu reagieren, hängt von der Qualität der Beziehung zum Kindsvater, von der Unterstützung der Familie, von der eigenen seelischen Verfassung, von den Bindungserfahrungen, die die Frau selbst in der Kindheit gemacht hat und von den Hoffnungen, die sie in ihr Kind gesetzt hat, ab. Mütterlichkeit ist genau wie Väterlichkeit nichts Selbstverständliches.“ Was Carola Bockhacker verdeutlicht: Frauen, die ihre Kinder abgeben, sind keine Außenseiterinnen, die man bequem in Randgruppen einordnen kann. „Sie kommen auch aus der bürgerlichen Mitte, haben einen hohen Bildungsgrad, manchmal sogar eine vermeintlich gesicherte Existenz. Es sind Frauen wie du und ich, die durch eine besondere Ausnahmesituation in eine tiefe Lebenskrise geraten sind.“
  Lebenskrisen. Ein Streifzug durch die Dresdner Stadtteile Gorbitz und Prohlis zeigt, wovon Carola Bockhacker spricht. Hier, wo der Bäcker Brötchen für die Tafel bäckt. Wo der Asia-Händler Blusen verkauft, die sich jede Rentnerin im Kiez leisten kann. Wo sich junge Frauen die Erstausstattung in der Kleiderkammer ausleihen – hier hat soziales Gewissen eine andere Dimension. Kaleb (Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren) heißt ein überkonfessioneller Verein, der sich in der Dresdner Neustadt niedergelassen hat und für den Carola Bockhacker seit fünf Jahren arbeitet. Ursprünglich aus einer Frauen-Bibliothek und einer Stillgruppe hervorgegangen, engagieren sich vier Festangestellte und etwa 25 Ehrenamliche seit 14 Jahren vor allem für Schwangere und junge Familien. Auf Anregung der CDU-Stadtratsfraktion installierte der Verein am 1. Juni 2001 eine Babyklappe. Zeitgleich initiierte der freie Träger der Jugendhilfe im Rahmen des Projektes Findelbaby einen 24-Stunden-Notruf für Frauen und schloss mit dem Diakonissenkrankenhaus einen Kooperationsvertrag. Darin steht, dass Kaleb die Kosten einer anonymen Geburt – etwa 900 Euro – übernimmt.
  Die Mediziner und Sozialarbeiter sind eingespielt. Aber alles andere als routiniert. Jedes Baby, das in der Klappe liegt, jede anonyme Geburt wühlt auf, nimmt alle Beteiligten mit. Paaren sich diese Ereignisse mit Kritik an dem Projekt Findelbaby, sucht Carola Bockhacker das Gespräch mit ihrer Kollegin Uta Jarsumbeck. Auch sie ist Sozialpädagogin und dreifache Mutter. Gemeinsam loten die beiden Frauen ihre Grenzen aus. Gemeinsam – wie Josua und Kaleb, die glaubten, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist.

Beide Frauen haben Gottvertrauen, sind aber alles andere als frömmelnd oder naiv. „Mir ist klar, dass ich nicht jedes Kind retten kann. Ich kann aber Frauen in Not das geben, was sie am dringendsten benötigen: ein Exil, eine Rückzugsmöglichkeit, ein offenes Ohr“, erklärt Carola Bockhacker. Sie bejaht das Leben – wie das Kind der Unbekannten, das sie im Arm hält, nachdem seine Mutter das Krankenhaus verlassen hat. Dabei hat Carola Bockhacker alles versucht, um die Frau von einer geschlossenen Adoption, bei der nur das Jugendamt ihre Personalien erfasst, zu überzeugen. Vergeblich. Carola Bockhacker heißt das Neugeborene willkommen und wünscht ihm alles Glück der Welt – vor allem aber Rückgrat.